Historischer Jesus

Die Evangelien sind keine historisch genauen Berichte und wollen es nicht sein. Ihre Erzählungen über Jesus sind Glaubens­zeugnisse. Doch auch wenn eine Biographie Jesu sich nicht rekonstruieren lässt, kann man einiges über den Menschen Jesus herausfinden. Kennt­nisse, z.B. der Archäologie und der (Sozial-)Geschichte des antiken Israel, vor allem aber der jüdischen Religion helfen dabei. Auch rö­mische Quel­len werden herangezogen; so berichtet Taci­tus im Jahre 116 von einem zur Zeit des Tiberius unter Pontius Pilatus gekreuzigten Aufrührer, der einen merkwürdigen Aberglauben begründet hat und dessen Nachfolger »Christen« genannt werden. Ferner werden auch apokryphe Evangelien inzwischen in der Forschung stärker berücksichtigt. Viele Forscher halten Fol­gendes für konsensfähig: Jesus (aram. Jeschua: Retter) wurde in den Jahren 8–4 vor unserer Zeit­rechnung als ältester Sohn von Maria (Mirjam) und Joseph vermutlich in Nazareth geboren (für diesen Ort spricht u. a. sein Name: Jesus von Nazareth – der biblische Geburtsort Bethlehem wäre dann symbolisch zu verstehen; Sohn Davids). Seine Muttersprache war Aramäisch. Wahr­scheinlich erlernte er das Handwerk seines Vaters und arbeitete zunächst als Zimmer­mann / Bauhandwerker. Im Alter von ca. 30 Jah­ren begann er, als Wanderprediger, begleitet von Jüngerinnen und Jüngern, durch Galiläa zu ziehen. Er verkündete die Nähe des Reiches Gottes und wirkte als Heiler. In seiner Gesellschaft befanden sich Leute aus schlechter Gesellschaft (Zöllner, Prostituierte), aber auch jüdische Gelehrte, mit denen er über die Auslegung der Tora diskutierte. Unterstützung erhielt er u. a. auch von wohlhabenden Frauen. Er geriet in Konflikt mit den religiösen Autoritäten; besonders provokativ war sein Verhalten im Tempel in Jerusalem. In dieser Stadt wurde er unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus ca. 30 n. Chr. hingerichtet – am Kreuz, wie für politische Aufrührer üblich.